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Holotropes Atmen vs. Rebirthing — Verbundenes Atmen, unterschiedliche Ansätze

Holotropes Atmen und Rebirthing werden manchmal verwechselt, weil beide mit verbundenem, kreisförmigem Atmen arbeiten. Aber hinter dieser Gemeinsamkeit verbergen sich zwei deutlich verschiedene Methoden — in ihrer Herkunft, in ihrem Rahmen und in dem, was sie ansprechen.

Was ist Rebirthing?

Rebirthing wurde in den 1970er Jahren von Leonard Orr entwickelt, einem amerikanischen Autodidakten, der bei Experimenten mit Warmwasser-Bädern intensive Atemerfahrungen machte. Er beobachtete, dass ein bestimmtes kreisförmiges Atemmuster — ohne Pause zwischen Ein- und Ausatmung — emotionale und körperliche Reaktionen auslösen konnte, die er als Wiederdurchleben der eigenen Geburt interpretierte. Daraus entstand der Name "Rebirthing".

Die Methode arbeitet mit sogenanntem "verbundenem Atmen" (connected breathing): ein fließender Atem ohne Pause, meist über den Mund. Die Sitzungen finden in der Regel im Einzelsetting statt — ein Klient, ein Rebirther. Die Dauer liegt typischerweise bei 60 bis 90 Minuten.

Thematisch stand beim ursprünglichen Rebirthing das Geburtstrauma im Zentrum. Orr ging davon aus, dass die Erfahrung der eigenen Geburt einen prägenden Einfluss auf spätere Lebensmuster hat und dass diese Prägungen durch bewusstes Wiedererleben gelöst werden können. Im Laufe der Jahre hat sich die Methode weiterentwickelt und ist breiter geworden, aber der Fokus auf frühe Prägungen und das Einzelsetting sind geblieben.

Die Ausbildung zum Rebirther ist nicht einheitlich geregelt. Es gibt verschiedene Schulen und Ansätze, die Qualität der Ausbildungen variiert erheblich. Das ist ein Punkt, den man ehrlich benennen muss.

Was ist Holotropes Atmen?

Holotropes Atmen wurde von Dr. Stanislav Grof und Christina Grof entwickelt — aus einem ganz anderen Kontext heraus. Grof war Psychiater und hatte über zwei Jahrzehnte mit psychedelischer Psychotherapie geforscht. Als diese Substanzen verboten wurden, suchte er nach einer nicht-pharmakologischen Methode, die vergleichbare Bewusstseinszustände ermöglicht. Das Ergebnis war das Holotrope Atmen.

Die Methode kombiniert vertieftes, beschleunigtes Atmen mit speziell ausgewählter Musik und Körperarbeit (Focused Energy Release Work). Sie findet im Gruppensetting statt, immer begleitet von ausgebildeten Facilitator:innen und mindestens einer:einem Psychotherapeut:in. Die Teilnehmer:innen arbeiten in Paaren: Einer atmet, einer begleitet als Sitter. Eine Sitzung dauert zwei bis drei Stunden.

Der theoretische Rahmen ist deutlich breiter als beim Rebirthing. Grof entwickelte eine "erweiterte Kartografie der Psyche", die neben biografischen Erfahrungen auch perinatale (geburtsbezogene) und transpersonale Ebenen einschließt. Das Geburtserlebnis ist ein möglicher, aber keineswegs der einzige Erfahrungsraum.

Die Ausbildung zum Holotropen Facilitator ist standardisiert und umfasst mehrere Jahre. Im deutschsprachigen Raum hat Dr. Sylvester Walch diese Tradition weitergetragen und weiterentwickelt.

Gemeinsamkeiten

Beide Methoden nutzen verbundenes, intensiviertes Atmen als zentrales Werkzeug. In beiden Fällen kann es zu körperlichen Empfindungen (Kribbeln, Wärme, Spannung), emotionalen Prozessen (Weinen, Lachen, Angst) und veränderten Bewusstseinszuständen kommen.

Beide gehen davon aus, dass der Atem einen Zugang zu tieferen Schichten der Psyche ermöglicht — zu Material, das im Alltag nicht zugänglich ist, aber unser Erleben beeinflusst. Und beide betonen die Bedeutung eines sicheren Rahmens für diese Arbeit.

In beiden Methoden ist die Haltung der Begleitung nicht die einer Therapeut:in, die interpretiert oder lenkt, sondern die eines Menschen, der hält und begleitet. Der Prozess entfaltet sich aus dem Inneren des Atmenden — nicht durch äußere Intervention.

Die wichtigsten Unterschiede

Herkunft: Rebirthing entstand aus der persönlichen Erfahrung von Leonard Orr, ohne klinischen oder akademischen Hintergrund. Holotropes Atmen entstand aus der psychiatrischen Forschung von Stanislav Grof, aufbauend auf Tausenden dokumentierter Sitzungen.

Setting: Rebirthing findet typischerweise im Einzelsetting statt. Holotropes Atmen arbeitet im Gruppensetting mit Sitter-System, Musikbegleitung und einem multiprofessionellen Team.

Theoretischer Rahmen: Rebirthing fokussiert stark auf das Geburtstrauma. Holotropes Atmen arbeitet mit einer erweiterten Kartografie, die biografische, perinatale und transpersonale Ebenen einschließt.

Dauer: Rebirthing-Sitzungen dauern 60 bis 90 Minuten. Holotrope Atemsitzungen dauern zwei bis drei Stunden und sind eingebettet in mehrtägige Seminare.

Musik: Im Rebirthing spielt Musik eine untergeordnete Rolle. Im Holotropen Atmen ist die Musik ein zentrales Element — sie begleitet und vertieft den Prozess durch verschiedene Phasen.

Integration: Rebirthing-Sitzungen werden oft durch ein kurzes Nachgespräch abgeschlossen. Holotropes Atmen hat ein umfassendes Integrationsprogramm: Mandala-Malen, Sharing-Runden und die Möglichkeit zur psychotherapeutischen Nachbearbeitung.

Ausbildungsstandards: Die Ausbildung zum Holotropen Facilitator ist standardisiert und dauert mehrere Jahre. Im Rebirthing gibt es keine einheitlichen Standards.

Welche Methode passt zu dir?

Wenn du eine regelmäßige Einzelpraxis suchst, die du in kürzeren Abständen machen kannst, und wenn dich das Thema Geburt und frühe Prägungen besonders anspricht, kann Rebirthing ein passender Weg sein — vorausgesetzt, du findest einen gut ausgebildeten Rebirther.

Wenn du nach einer tiefgreifenden Erfahrung in einem professionell begleiteten Rahmen suchst, die mehr als nur eine Ebene ansprechen kann — körperlich, emotional, transpersonal — dann kann Holotropes Atmen das Richtige sein. Der höhere Aufwand (Seminarsetting, Anreise, mehrtägiges Format) wird durch die Tiefe und Sicherheit des Rahmens aufgewogen.

Was wir ehrlich sagen können: Für Menschen, die zum ersten Mal mit intensiver Atemarbeit in Berührung kommen, empfehlen wir ein professionell begleitetes Setting. Die Erfahrungen, die dabei entstehen können, sind manchmal überraschend und intensiv — und es ist gut, wenn erfahrene Menschen in der Nähe sind.

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