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Die Perinatalen Matrizen

Stanislav Grofs bahnbrechendes Konzept über den Einfluss der Geburtserfahrung auf unser psychisches Leben.

Was sind Perinatale Matrizen?

Der Begriff "perinatal" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "um die Geburt herum". Stanislav Grof entdeckte bei seiner Forschung, dass die Geburtserfahrung tiefgreifende Muster in unserer Psyche hinterlässt, die er als "Perinatale Grundmatrizen" (PGM oder englisch BPM - Basic Perinatal Matrices) bezeichnete.

Diese Matrizen sind keine kausalen Erklärungen ("weil die Geburt so war, bin ich so"), sondern archetypische Erlebnismuster, die sich im biologischen Geburtsvorgang widerspiegeln und unser späteres emotionales und spirituelles Leben prägen können.

Die vier Perinatalen Matrizen

I

BPM I: Die ozeanische Einheit

Phase: Das Leben im Mutterleib vor Beginn der Wehen

Diese Matrix repräsentiert die symbiotische Einheit des Fötus mit dem mütterlichen Organismus. Es ist ein Zustand natürlicher Geborgenheit, ein "ozeanisches" Grundgefühl von Einheit und Versorgtsein. Der Fötus ist vollständig versorgt – Nahrung, Wärme und Sauerstoff kommen ohne eigenes Zutun. Es gibt keine Trennung zwischen Selbst und Umgebung.

Positive Erfahrung: Gefühle von kosmischer Einheit, Urvertrauen, tiefem Frieden und Verbundenheit mit allem. In Atemsitzungen kann sich das als ein Gefühl zeigen, in einem warmen, grenzenlosen Raum zu schweben – manche beschreiben es als ozeanisch, andere als kosmisch. Häufig begleitet von intensiver Stille und einer Abwesenheit von Angst.

Mögliche Störungen: Bei negativen intrauterinen Erfahrungen (Stress der Mutter, Toxine, ungewollte Schwangerschaft) kann fehlendes Urvertrauen, diffuse Ängste oder ein Gefühl der Bedrohung entstehen. Grof spricht hier von einer "gestörten BPM I" – das Paradies hat Risse.

In der Session: Teilnehmer:innen, die BPM I erleben, werden oft sehr still. Von außen scheint wenig zu passieren, aber innerlich findet eine tiefe Erfahrung statt. Manchmal wird diese Matrix als die heilsamste beschrieben – als Rückkehr zu einem Zustand, in dem alles in Ordnung ist.

II

BPM II: Kosmisches Verschlungenwerden

Phase: Beginn der Wehen, Gebärmutterhals noch geschlossen

Mit dem Einsetzen der Wehen verändert sich die Welt des Fötus dramatisch. Der Druck nimmt zu, aber es gibt noch keinen Ausweg. Dies ist ein Zustand der scheinbaren Ausweglosigkeit.

Typische Erfahrungen: Gefühle von Gefangenschaft, Enge, Existenzangst, kosmischer Einsamkeit. Das Paradies ist verloren, aber noch kein neuer Weg sichtbar.

Mögliche Auswirkungen: Diese Matrix kann sich später als depressive Grundstimmung, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl manifestieren, in ausweglosen Situationen gefangen zu sein.

In der Session: BPM II gehört zu den schwierigsten Erfahrungen. Teilnehmer:innen können sich wie erdrückt fühlen, manche erleben eine tiefe Verzweiflung oder die Überzeugung, dass es keinen Ausweg gibt. Die Begleitung durch den Sitter ist in dieser Phase besonders wichtig. Die gute Nachricht: BPM II ist ein Übergang. Die Erfahrung bewegt sich fast immer weiter – in den Kampf von BPM III und schließlich in die Befreiung von BPM IV. Das bewusste Durchleben dieser Ausweglosigkeit kann paradoxerweise befreiend wirken, weil der Mensch erkennt, dass er die Enge überstehen kann.

III

BPM III: Tod-Wiedergeburt-Kampf

Phase: Passage durch den Geburtskanal

Nun öffnet sich der Gebärmutterhals und der aktive Kampf durch den Geburtskanal beginnt. Es ist ein intensiver Prozess von Druck, Bewegung und extremer Anstrengung.

Typische Erfahrungen: Intensive körperliche Empfindungen, Gefühle von Aggression und Sexualität, "vulkanische Ekstase", der Kampf zwischen Leben und Tod.

Transformatives Potenzial: Das bewusste Durchleben dieser Matrix kann tiefe Ängste abbauen und die Fähigkeit stärken, Herausforderungen aktiv anzugehen.

In der Session: BPM III ist oft die aktivste Phase. Der Körper kann sich wild bewegen, die Atmung wird intensiv, manche Teilnehmer:innen schreien, kämpfen oder drücken gegen Widerstand. Grof beobachtete auch eine Verbindung zwischen dieser Matrix und Themen wie Aggression und Sexualität – Kräfte, die im Geburtskanal biologisch miteinander verschränkt sind. Die Energie, die hier freigesetzt wird, ist enorm. Wenn sie durchfließen darf, führt sie oft direkt in die Befreiung von BPM IV.

IV

BPM IV: Tod und Wiedergeburt

Phase: Der Moment der Geburt

Der Kampf ist beendet, das Kind wird geboren. Nach dem intensiven Druck kommt plötzliche Erleichterung, Licht und Weite. Es ist ein symbolischer Tod des alten Zustands und die Geburt in eine neue Existenz.

Typische Erfahrungen: Befreiung, Erlösung, Neugeburt, spirituelle Öffnung, Gefühle von Liebe und Dankbarkeit, der symbolische "Ich-Tod" und die Wiedergeburt.

Bedeutung: Das vollständige Durchleben dieser Matrix kann zu tiefgreifenden spirituellen Erfahrungen und einem Gefühl der Neugeburt führen.

In der Session: BPM IV wird oft als der eindrucksvollste Moment einer Sitzung beschrieben. Nach dem intensiven Kampf kann plötzlich alles still werden. Teilnehmer berichten von einem Gefühl, als würde ein enormer Druck von ihnen abfallen. Manche erleben Lichtvisionen, andere weinen vor Erleichterung. Es ist ein Zustand, den Grof als "Ich-Tod und Wiedergeburt" bezeichnet – das alte Selbstbild stirbt, und etwas Neues wird geboren. Nicht jeder erlebt diesen Übergang in einer einzigen Sitzung – manchmal braucht es mehrere Sessions, bis der gesamte Zyklus durchlaufen ist.

Wie die Matrizen im Alltag wirken können

Grof beobachtete, dass die perinatalen Matrizen nicht nur in Atemsitzungen relevant sind, sondern auch im alltäglichen Erleben Spuren hinterlassen können. Menschen, deren BPM II besonders prägend war, kennen möglicherweise das Gefühl, in Situationen festzustecken und keinen Ausweg zu sehen – auch wenn objektiv betrachtet Optionen vorhanden sind. Wer stark mit BPM III in Resonanz ist, kann eine Tendenz zu Kampf und Widerstand spüren, aber auch eine große Durchsetzungskraft.

Diese Zusammenhänge sind nicht als starres Erklärungsmodell gedacht. Nicht jede Depression geht auf BPM II zurück, nicht jede Wut auf BPM III. Aber als Orientierungshilfe können die Matrizen helfen zu verstehen, warum bestimmte Lebensmuster so hartnäckig sind – und warum sie sich manchmal erst lösen, wenn man sie auf einer körperlichen und emotionalen Ebene durchlebt, statt nur darüber zu reden.

Therapeutische Bedeutung

Die Arbeit mit den perinatalen Matrizen beim Holotropen Atmen ermöglicht es, unverarbeitete Geburtserfahrungen bewusst zu machen und zu integrieren. Dies kann befreiend wirken und festgefahrene Lebensmuster lösen.

Dr. Sylvester Walch betont: "Diese Konzeptionen sind nicht kausal zu verstehen. Nicht weil die Geburt so verlaufen ist, sind wir wie wir sind, sondern die Geburtserfahrung vermittelt uns bestimmte Grundmuster."

"Die massive Konfrontation mit Tod- und Wiedergeburtsprozessen kann auf das Leben eine sehr positive Wirkung haben, weil tiefe Ängste abgebaut werden."

Die Matrizen selbst erfahren

Beim Holotropen Atmen können diese Erfahrungsebenen auf natürliche Weise zugänglich werden. Unsere erfahrenen Therapeut:innen begleiten Sie sicher durch diesen Prozess.

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